... und was auf nationaler Ebene möglich ist

Kanada war vom 07. bis 19. Dezember Gastgeber der 15. Weltnaturkonferenz (CBD COP 15). Ziel war ein neues globales Rahmenabkommen zum Schutz der ökologischen Vielfalt. Global schätzen Wissenschaftler die Anzahl der Tier- und Pflanzenarten auf acht Millionen. Im Focus des Weltnaturgipfel 2022 standen jedoch aktuell eine Million Arten, die vom Aussterben bedroht sind. Die Zeit drängt, denn bereits 70 Prozent der Ökosysteme der Welt sind geschädigt, größtenteils aufgrund menschlicher Aktivitäten und das, obwohl mehr als die Hälfte der weltweiten Wirtschaftsleistung nach Berechnungen des Weltwirtschaftsforums von der Natur abhängt.

Weltnaturgipfel2022 Foto BMUV SabrinaGiyasova 400x300Für das weltweite Artensterben existieren keine Landesgrenzen. Die Ziele und Vereinbarungen der zurückliegenden Naturschutzkonferenzen aus mittlerweile 30 Jahren konnten überwiegend nicht erreicht werden. Dies wurde zur Messlatte für die knapp 5.000 Delegierte aus 193 Ländern, die auf dem Weltnaturgipfel 2022 in Kanada insgesamt 21 Ziele behandelt haben. Eines der wichtigsten ist das Vorhaben, bis 2030 30 Prozent der Landfläche und auch 30 Prozent der Meeresfläche unter Schutz zu stellen, sodass sich die Natur dort entwickeln kann, und es wurde um Finanzmittel in Milliardenhöhe gerungen.
Die entscheidende Frage bleibt, ob die Umsetzung funktioniert. Vor allem NGO bemängeln, dass konkrete Ziele für die Umsetzung und auch für die Finanzierung fehlen. Auf internationaler wie nationaler Ebene ist die Agrar- und Subventionspolitik von zentraler Bedeutung. Hier muss künftig gelten, ökologischer Landbau vor intensiver Landwirtschaft. Allein die Umleitung oder Abschaffung von umweltschädlichen Subventionen könnten Finanzmittel in einer Größenordnung von mindestens 500 Milliarden Dollar jährlich freisetzen. Es werden also erst die nächsten Jahre zeigen, ob die Beschlüsse ausreichen, finanziert werden und schnell genug bzw. rechtzeitig umgesetzt werden.

Was treibt das Artensterben an?Weltnaturgipfel Monokultur Foto WhiskerFlowers Pixabay 400x260

Big player sind Monokulturen in der Land- und Forstwirtschaft, überwiegend in Verbindung mit dem Einsatz von Pestiziden und chemischen Düngemitteln. Weitere Gründe des Artensterbens liegen in der Ausbeutung natürlicher Ressourcen für die Industrie und zur Energiegewinnung, da dies oft in der Zerstörung intakter Ökosysteme mündet. Ähnliche Folgen haben der Ausbau von Infrastrukturen, der Straßen- und Städtebau. Ozeane leiden besonders unter der Überfischung der Meere und der Umweltverschmutzung, etwa durch Plastikmüll.


Was kann in Deutschland, in den Kommunen oder von jedem Einzelnen getan werden, um den Verlust an ökologischer und artenbezogener Vielfalt zu stoppen.

Umweltministerin Lemke will für mehr Engagement im Artenschutz Milliarden bereitstellen. Auch hierzulande hängt die Artenvielfalt von intakten Lebensräumen ab. So sind z.B. Vögel - wie etwa die bedrohten Rebhühner und Feldlerchen - ein wichtiger Indikator für den Zustand der Natur. Die folgenden Schlaglichter aus Projekten in Deutschland zeigen beispielhafte Möglichkeiten auf, wie die notwendige Weichenstellung gelingen kann:

Weltnaturgipfel2022 Schwebfliege 400x350Besonders deutlich wird der Rückgang der Artenvielfalt am Beispiel der Insekten. In Deutschland sind seit 1989 bereits rund drei Vierte aller Fluginsekten verschwunden, ein Ergebnis der sogenannte Krefelder Studie 2017 in untersuchten Naturschutzgebieten. Kritiker bemängelten an der Studie zunächst noch, dass wichtige Fragen unbeantwortet blieben. Doch schon 2018 bestätigte die neue Studie einer Forschergruppe der Technischen Universität München den bedrohlichen Insektenschwund. Dieser ist deshalb so bedenklich, weil viele Ökosysteme ohne Insekten nicht funktionieren. Insekten dienen dabei nicht nur als Nahrungsgrundlage, sondern auch als Bestäuber, darunter viele als Spezialisten. Laut Bundesumweltministerium sind weltweit 75 Prozent aller Nahrungspflanzen bestäuberabhängig.

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Weltnaturgipfel2022 Foto Oldengott IMG8778 450x300Der Pflanzenschutzmitteleinsatzes in der Landwirtschaft und im Gartenbau ist in besonderem Maße für das Insektensterben mitverantwortlich. Bereits 2015 hatten das Umweltbundesamt (UBA) und der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) eine Fachtagung „Die pestizidfreie Kommune“ veranstaltet. Als Ziel sollten Kommunen bewegt werden, auf Pflanzenschutzmittel ganz oder teilweise zu verzichten. Unter dem Titel Insektenschutz in Kommunen – Umsetzung in der Praxis veranstalteten UBA⁠ und BUND in den Jahr 2019 bis 2022 vier weitere Folgeveranstaltungen zu den Alternativen im kommunalen Bereich mit folgender Bilanz: „Bisher haben sich rund 550 Städte und Gemeinden in Deutschland entschieden, Grünflächen pestizidfrei oder mindestens ohne Glyphosat zu bewirtschaften. Darunter sind Großstädte wie Hannover, Leipzig, Dresden und München, aber auch ganze Landkreise. Einige Städte, wie Saarbrücken, Celle, Bielefeld und Tübingen bewirtschaften ihre Grünflächen schon seit über 20 Jahren pestizidfrei und einige Städte, wie bspw. Bad Saulgau (Baden-Württemberg) dienen mit einem umfassenden ökologischen Konzept mit Nahrung und Rückzugsräumen für Singvögel, Schmetterlinge und andere Insekten als Vorreiter für nachhaltige Stadtentwicklung und Erhalt der biologischen Vielfalt.“ Eine weitere Veranstaltung für Herbst 2023 ist in Planung!

Auch die Kampagne Grüne Städte für ein nachhaltiges Europa stellt den Lebensraumverlust der Insekten in den Mittelpunkt. Initiiert wurde Kampagne vom europäischen Baumschulverband ENA (European Nurserystock Association). Er repräsentiert Baumschulverbände und -organisationen in ganz Europa. Als zentrales Ziel sollen kommunale Entscheider, Stadtplaner, Landschaftsarchitekten sowie Garten- und Landschaftsbauer für eine grüne Stadtentwicklung begeistert werden. Der Bund deutscher Baumschulen (BdB) e.V. wirkt von 2021 bis 2023 an der europäischen Green City-Kampagne mit.

Weltnaturgipfel2022 PIKProjekt Foto AndréGrabowski 400x300Die intensive Rückgewinnung und ökologische Optimierung kommunaler Flächen ist ein wesentlicher Schritt, um den Verlust der Artenvielfalt zu stoppen. Die Stadt Bochum hat sich mit einem besonderen Ansatz für eine ökologische Flächenoptimierung positioniert. Mit der Stiftung Westfälische Kulturlandschaft als Projektpartner hat die Stadt das Projekt Produktionsintegrierte Kompensation (PIK) ins Leben gerufen. Rund 40 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche sollen in Bochum ökologisch deutlich aufzuwerten. Das auf den Erhalt der bäuerlichen Kulturlandschaft ausgerichtete Projekt startete im Februar 2021 und ist zunächst auf 10 Jahre ausgelegt.

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Weltnaturgipfel2022 Insektenhotel Foto MartinValk 400x300Auch Möglichkeiten jedes Einzelnen werden unterschätzt. Im eigenen Umfeld die Terrasse und den Garten vielfältig zu bepflanzen, weniger zu mähen und Wildnis zu wagen, stellen wertvolle Puzzlesteine dar. Heimische Pflanzen in die Gärten, Parkanlagen und Gartenmärkte zu bringen, ist das Ziel des Projektes Tausende Gärten – Tausende Arten der Deutschen Gartenbau-Gesellschaft 1822 e.V.. Darin liegt zugleich ein bedeutender Beitrag für den Schutz von Insekten. Die Kampagne ist auf sechs Jahre angelegt und wird vom Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit gefördert.

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Weltnaturgipfel2022 Sperling Foto Doobe 400x300Als Triebfeder für den Artenverlust benannte der Weltnaturgipfel 2022 u.a. den Ausbau von Infrastrukturen sowie den Straßen- und Städtebau. Angesichts anhaltenden Städtewachstums kann das aktive Einbinden von biodiversitätsfördernden Maßnahmen in städtische Planungsprozesse von entscheidender Bedeutung werden, um städtische Natur und ihre Ökosystemleistungen in der Stadt zu erhalten. In der aktuellen Stadtentwicklung erscheint es jedoch oft schwierig, menschliche Interessen mit den Ansprüchen stadtbewohnender Tierarten zu verbinden.
Hier setzt Animal-Aided Design (AAD) an, indem es darauf abzielt, Tierbedürfnissen in die Stadt- und Freiraumplanung einzubinden. Das Vorkommen von Tieren in urbanen Freiräumen soll damit explizit geplant werden und in deren Gestaltung einfließen.

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Weltnaturgipfel2022 Insektenbuendnis Foto LHH 400x300Als Kooperationspartnerin im „Insektenbündnis Hannover“ entwickelt die niedersächsische Landeshauptstadt ihr städtisches Grün gezielt und nachhaltig zu Freiflächen mit hohem Wert für Insekten und andere Kleinlebewesen. Kooperationen mit Bündnispartnern*innen - wie der Wohnungsbaugesellschaft hanova WOHNEN - führen dabei zu grenzüberwindenden Vorzeigeprojekten wie am Emmy-Lanzke-Weg in Hannover-Vahrenheide. Anerkennung für ihr Engagement erhält die Landeshauptstadt dabei schon zum zweiten Mal in Folge durch die Auszeichnung mit dem Gold-Label „StadtGrün naturnah“.

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Weltnaturgipfel2022 GreenUrbanLabsII Foto Doobe 400x300Das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) und das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) haben die Modellvorhaben „Green Urban Labs II“ gestartet. Sechs Kommunen erproben innovative Ansätze, um innerstädtisches Grün zu stärken und ihre Grün- und Freiräume zu entwickeln. Als Modellvorhaben wählten das BMI und das BBSR Städte mit Bevölkerungswachstum aus. Diese stehen vor besonderen Herausforderungen: Immer mehr Menschen nutzen die grünen Lungen der Stadt, gleichzeitig stehen Grün- und Freiflächen in Konkurrenz zu anderen Nutzungen wie dem Wohnungsbau.

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Weltnaturgipfel2022 BundespreisStadtgruen Foto Doobe 400x300Das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen hatte nach 2020 im Jahr 2022 zum zweiten Mal den Bundespreis Stadtgrün ausgelobt. Der Fokus lag auf dem Thema „Klimaanpassung und Lebensqualität“.
Am 14. September präsentierte das Bundesministerium die Gewinner 2022. Fünf Städte von A wie Aachen bis T wie Tirschenreuth wurden für ihre großflächigen Entsiegelungen, aufgewertete Freiflächen oder Renaturierungsmaßnahmen ausgezeichnet.

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Es geht um nicht weniger als den Erhalt unserer Lebensgrundlage! Deshalb muss es gelingt, solche hier nur exemplarisch aufgezeigten Ansätze aus ihrem Projektstatus in ein grundsätzliches, allgegenwärtiges Handeln zu überführen. Daran gemessen bleiben die politischen Entscheidungen weit hinter den notwendigen Schritten zurück. Wenn wir aber landesweit unser kommunales und privates Handeln konsequenter auf den Erhalt der ökologischen Vielfalt ausrichten, ohne es davon abhängig zu machen, ob entsprechende Fördermittel bereitgestellt werden, erscheinen die angestrebten Ziele doch noch erreichbar.



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